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Das schöne Ende eines langen Tages

Magda, die junge Hexe, wurde von den hellen Sonnenstrahlen geweckt, die sie an der spitzen, aber langen Nasenspitze kitzelten. Sie blinzelte erst mit dem linken, dann mit dem rechten Auge. So richtig wollte sie eigentlich nicht wach werden. Hatte sie doch heute ihren ersten Urlaubstag! Sie hatte sich so auf diesen Tag gefreut, endlich liegen bleiben so lange sie wollte, kein Wecker-Schrillen und dann so etwas… Die warmen Sonnenstrahlen, die durch ihr Fenster fielen, weckten sie doch tatsächlich vor ihrer normalen Aufstehzeit! Könnt ihr euch das vorstellen? Die Strahlen schienen so durch das Fenster, dass Magda in dem Licht leichte Staubpartikel sehen konnte. In dem Moment, in dem sie das Tanzen des Staubs in der Luft sah, musste sie auch schon niesen. Nun war es endgültig vorbei mit dem Schlafen. Sie streckte und reckte sich noch einmal kräftig und dann ging´s mit Schwung aus dem Bett.

Sonst arbeitete sie immer in der Hexen-Ferien-Pension am Tanzplatz. Doch ab heute hatte sie für eine Woche frei. Wie schön! Sie hatte sich soviel vorgenommen: Magda wollte ihr kleines Zimmer putzen und das tolle Buch über die Hexen-Abenteuer der Hexenlegende Hulda lesen. Das Buch lag inzwischen schon seit Wochen auf ihrem Tisch, doch bisher hatte sie noch keine Zeit gefunden, es zu lesen. Es kam ihr immer etwas dazwischen und wenn sie dann endlich nach Hause kam, nach einem anstrengenden Arbeitstag, dann war sie einfach zu müde zum Lesen. Außerdem sollte in dieser Woche das Wetter besonders schön werden und sie wollte zum See. Vor ihrem geistigen Auge stellte sie sich schon vor, wie sie die Tage am See mit dem Buch verbrachte, die Ruhe genoss und vielleicht ab und an ein kühlendes Bad im Wasser nahm: einfach herrlich! Während sie so ihre Pläne schmiedete, flog der kleine Rabe Tobi durch den Kamin. Er hatte einen Brief im Schnabel, der mit krickliger Handschrift an Magda adressiert war. „Komisch“ dachte sie, wer sollte ihr denn einen Brief schicken? Sie sprach leise die Zauberformel und der Brief öffnete sich. Viel stand nicht auf dem Zettel, doch die Nachricht klang dringend: „Liebe Magda, ich weiß, dass du frei hast, kannst du kommen und mir helfen? Gruß, Oma Tilde“. Hm, komisch, was war mit Oma Tilde los? Warum schrieb sie ihr, statt anzurufen und warum brauchte sie Magdas Hilfe? Die kleine Hexe überlegte nicht lange. Es war für sie selbstverständlich, dass sie sich sofort auf den Weg machte. Sie nahm sich nicht einmal die Zeit zum Frühstücken, ein kleiner Schluck kalter Kaffee vom Vortag musste reichen. Sie machte sich wirklich Sorgen und wollte so schnell wie möglich ihre Oma sehen. So schnappte sie sich ihren Reisigbesen, der in der Ecke im Flur stand, stieß die Tür auf, schwang sich auf den Besen und erhob sich leise und doch ganz flott in die Luft. Ihr Flug war ruhig, sie spürte den leichten Wind auf ihren Wangen und so langsam erwachten nun alle Lebensgeister in ihr.

Nach einem kurzen Flug kam sie bei ihrer Oma auf dem Hof an. Alles war ruhig, nichts rührte sich, weder im Garten noch auf dem Hof. Sie stieg von ihrem Besen ab und ging ins Haus. „Oma“, rief sie, „wo bist du? Ist dir etwas passiert? Was ist los?“ „Hier bin ich, Magda, in der Küche. Schön, dass du so schnell gekommen bist! Stell dir vor, Tante Luise kommt mit ihren Kindern zu Besuch. Du weißt schon, diese Blagen, die das kleine Hexen-Einmaleins nicht können, aber sich für superschlau halten. Sie können sich nicht benehmen und verhexen alles, was ihnen zwischen die Finger kommt.“ „Hm, und warum hast du mich gerufen?“, fragte Magda verwundert ihre Oma, die gerade in der Küche nach ihrem Küchen-Hexenbuch suchte. „Ich dachte mir, wo du doch jetzt Urlaub hast und dich bestimmt langweilst, könntest du mir bei den Vorbereitungen helfen und, wenn die wilde Bagage angekommen ist, dich um die Rasselbande kümmern. Dann hätte ich wenigstens Zeit und Ruhe, mit meiner Tochter Luise gemütlich zusammen im Garten zu sitzen und die Sonne bei Kaffee und Kuchen zu genießen. Du bist doch bestimmt so lieb, oder Magda? Du, kannst deiner alten Oma doch diese kleine Bitte nicht abschlagen!“
Magda antwortete nicht. Sie war während der vorgebrachten Bitte ihrer Oma immer kleiner geworden. Warum konnte sie nicht einfach verschwinden? Heute war ihr erster Urlaubstag und nun sollte sie sich um die Besuchsvorbereitungen und später sogar noch um diese nervigen Cousins und Cousinen kümmern? Magda zögerte allerdings nur einen kurzen Moment. Es fiel ihr immer schwer, eine Bitte abzuschlagen, vor allem eine ihrer Oma. Sie riss sich zusammen, während sie noch darüber nachdachte, wie schön der heutige Tag hätte werden können. Sie lächelte etwas gezwungen und antwortete: „Na, klar Oma, du kannst dich auf mich verlassen. Ich bleibe und helfe dir, solange du mich brauchst. Ich kann dich ja jetzt nicht im Stich lassen.“ Dass ihr Lächeln etwas gezwungene Züge um ihre Mundwinkel hinterließ, bemerkte die Oma Tilde gar nicht.

So kam es, wie es der kleinen Magda so oft ging. Endlich hätte sie Zeit für sich gehabt, hätte endlich mal all die Dinge machen können, die in den letzten Wochen liegen geblieben waren, hätte sich erholen und entspannen können, doch nun fühlte sie sich verpflichtet, der Oma zur Hand zu gehen. Sie sah ja ein, dass ihre Oma nicht mehr alles alleine machen konnte, schließlich war sie schon 546 Jahre alt! Ein ganz schönes Alter, auch für eine Hexe! Während sie nun im Haus alles blitzblank putzte, den Rasen mähte und den Tisch für den Kaffeeplausch deckte, dachte sie einen kleinen Moment darüber nach, warum ihre Schwester Minna eigentlich nicht half. Als sie den Kuchen aus der Küche holen wollte, fragte sie ihre Oma mit unsicherer, heller Stimme: „Hast du Minna nicht erreicht oder warum ist Minna nicht auch zum Helfen da?“ „Du weißt doch, wie Minna ist“, erwiderte ihre Oma. „Minna hat immer keine Zeit, sie ist immer so beschäftigt. Ich glaube, sie hat mir erzählt, dass sie heute einen Termin beim Kosmetiker hat, oder war das der Frisörtermin? Ich weiß nicht, sie wollte sich unbedingt die Furunkel-Warze auf der Nase entfernen und die Haare mit Henna färben lassen. Beide Termine sind ganz wichtig für sie, da wollte ich sie nicht belästigen!“
Noch bevor Magda etwas erwidern konnte, hörten die beiden lautes Lachen und Johlen über dem Haus. Dann gab es einen fürchterlich lauten Knall und plötzlich stand der Besuch rußverschmiert in der Küche. Tante Luise beschwerte sich gleich bei Oma und hielt ihr einen großen Ziegelstein unter die Nase. „Mensch, Mutter, kannst du endlich mal diesen Kaminzug reparieren? Guck dir an, wie viele Steine diesmal herausgebrochen sind! Das geht so nicht weiter.“ Ihre vier kleinen Kinder, die Cousinen und Cousins von Magda, hüpften aufgeregt und schnatternd in der Küche herum. „Wir haben Hunger und Durst!“, riefen sie fast gleichzeitig. Magda hörte ihre Oma sagen: „Dann kommt mit in den Garten, der Tisch ist schon gedeckt und den Kuchen kann Magda gleich mitbringen. Magda, bist du so lieb? Du kannst ja noch schnell den Dreck zusammenfegen und dann nachkommen. Du bist doch so lieb?“ Wieder verbiss sich Magda eine Antwort, doch so langsam war sie echt genervt. Warum wurde immer nur sie eingespannt?

Liebe Leser, was soll ich euch sagen, der ganze Nachmittag verlief so. Es hieß immer nur, „Magda, Liebes, holst du bitte mal dies oder das, kannst du die verschüttete Milch aufwischen"  … und dann war, das, was sie tat, noch nicht einmal gut genug. „Du kannst doch nicht den Putzlappen benutzten, der ist doch nur für das Geschirr.“
Ihr könnt es euch vielleicht vorstellen, nachdem die kleine Hexe auch noch die vier Kinder bespielen musste, war sie am Ende des Tages völlig erschöpft und den Tränen nahe. Sie war so müde und kaputt, dass ihr doch tatsächlich der Zauberspruch für den Rückflug auf ihrem Besen entfallen war. Sie verabschiedete sich von der Oma und dem Besuch und als sie mit leiser und niedergeschlagener Stimme nach dem Zauberspruch für den Rückflug fragen wollte, da kam ihre Tante ihr schon zuvor: „Was ist nur mit dir los, Magda, du bist so jung und schon so schusselig?“

Da machte sich Magda enttäuscht zu Fuß auf den Rückweg. Sie schulterte ihren Besen und zog langsam Richtung Wald davon. Während sie langsam den Weg entlang trottete, bemerkte sie ihren Raben Tobi, der ihr immer ein kleines Stück voraus flog. Sie sah ihn im hell scheinenden Mondlicht, immer eine Nasenlänge vor ihr. Plötzlich setzte er sich auf ihre Schulter und fragte mit seiner krächzenden Rabenstimme: „Magda, warum bist du so traurig und so still?“ Die kleine Hexe musste gar nicht lange überlegen, die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus: „Weißt du Tobi, es war heute mein erster Urlaubstag nach vielen Arbeitswochen, ich hatte mich wirklich sehr gefreut. Doch statt mich zu erholen, habe ich Oma geholfen. Ich habe das ja auch gerne getan, aber keiner hat sich bedankt. Nicht einmal Oma Tilde.“ Magda schluchzte, ihr Körper bebte vor Verzweiflung. „Ich habe versucht, es allen recht zu machen, und keiner hat gesehen, dass ich eigentlich müde und kaputt war. Und nun habe ich auch noch versprochen, in den nächsten Tagen mit den Kindern Ausflüge zu machen.“ Langsam wurde Magdas Stimme immer verzweifelter, sie schrie fast: „Ich kann nicht mehr! Ich habe den Urlaub wirklich bitter nötig!“
Tobi war völlig überrascht. Er blickte Magda an und fragte sie: „Was würde passieren, wenn du die nächsten Tage nicht deine Zeit mit den vier Hexenkinder verbringst?“ Der schwarze Rabe, der auf Magdas Schulter saß, bemerkte ihre Bekümmernis und sah, wie der jungen Hexe die dicken Tränen über das Gesicht liefen. Sie erreichten die Weggabelung, an der rechts der Weg zum Dorf führte, in dem Magda arbeitete und wohnte. Tobi sah, wie mühsam die Bewältigung des Weges für sie war. Magda strauchelte nur so vor sich hin, fiel beinahe zu Boden. „Wie wäre es, Magda, wenn du dich an der Weggabelung etwas ausruhen würdest? Du kennst doch den großen so einladend mit weichem Moos bewachsenen Stein. Dort könnten wir Rast machen.“ Magda fand den Vorschlag gut.
An der Gabelung angekommen, nahm sie auf dem Stein Platz. Es war ein geradezu mystischer Augenblick an diesem Ort. Es war inzwischen schon ganz dunkel geworden, doch der Mond, es war Vollmond, schien ganz hell durch die Wipfel der Bäume und erleuchtete gerade in diesem Moment diesen wunderschönen Stein. Sie seufzte tief und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Als sie in diesem wundervollen Augenblick der Stille und Ruhe so dasaß, da hörte sie plötzlich eine tiefe, sehr angenehme leise Stimme sprechen. Sie guckte Tobi an, auch er schien die Stimme zu hören. „Ich bin es, der Stein, der zu dir spricht, liebe Magda. Dein tiefes Seufzen habe ich wohl vernommen und ich weiß auch, was dich schon so lange bedrückt. Magst du mir vielleicht zuhören?“ Magda traute sich nicht zu sprechen, sie nickte nur mit dem Kopf, denn sie wollte diesen magischen Moment nicht zerstören und hoffte darauf, dass der Stein weitersprach. Der Stein erhob wieder seine Stimme und sprach langsam und bedächtig folgende Worte: „Vor gar nicht so langer Zeit rastete auch ein Herr hier an dieser Stelle und er sprach folgende Worte:

<Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.>

Ich, der Stein, fragte den Herrn noch, ob es seine eigenen Worte waren oder er sie von jemandem nachsprach. Sie klangen so weise! Der Herr antworte damals: „Diese schönen Zeilen schrieb einst Bernhard von Clairvaux, er nannte sein Gedicht: Schale der Liebe!“ Nun, liebe Magda, lass diese Zeilen auf dich wirken und höre in dich hinein, ob sie dir etwas sagen wollen.!“

Der Stein verstummte und die junge Hexe blieb mit Tobi, ihrem Raben, noch eine ganze Weile andächtig auf ihrem so besonderen Platz sitzen. Nach einer Weile räusperte sich Tobi und sprach Magda ganz leise an. „Magda, darf ich dich etwas fragen?“ „Ja“, antwortete Magda ebenso leise zurück. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Sinn der Worte richtig verstanden habe“, sprach Tobi. „Wollte der Stein dir damit vielleicht sagen: Nur wenn deine „Lebensschale“ mit Wasser, also Lebensenergie und -freude gefüllt ist, wenn sie zum Überlaufen voll ist, dann ist es ratsam, von deiner überschüssigen Energie und Kraft anderen abzugeben? Hast du es auch so verstanden?“ „Ja, ich glaube, so kann man es verstehen“, antwortete die junge Hexe ganz andächtig. „Vor allem bedeutet es für mich, dass ich mich erst einmal um mich selber kümmern darf. Für andere kann ich nur insoweit hilfreich sein, wie ich mich selber liebevoll behandle. Ich darf, nein, ich soll sogar erst für mich sorgen und dann erst sind die anderen dran! Wenn mir etwas zu viel wird, dann darf ich auf mich achten und „nein“ sagen!“

Magda erhob sich von dem Stein, bedankte sich in Gedanken für diese wertvollen Worte, schlug ausgeruht und mit festen Schritten den Weg nach Hause ein. Es war schon sehr spät, als sie endlich in ihrem Bett lag. Durch das Fenster konnte sie das Mondlicht sehen und dachte noch über den Tag und die für sie so heilsamen Worte des Steins an der Weggabelung nach. Während sie innerlich das Gedicht wiederholte, schlossen sich langsam ihre Augen. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen und sie war so froh über dieses ganz besondere Erlebnis. Nun fiel sie in einen ganz besonders tiefen und erholsamen Schlaf.

(Ute Wohlstein, März 2021)

Die Geschichte von Clarissa, dem kleinen Zwergen-Mädchen

Ich möchte euch eine Geschichte von Clarissa, dem kleinen Zwergen-Mädchen, erzählen:

Es ist Abend, die Sonne geht langsam hinter den Bergen unter und das kleine Zwergen-Mädchen Clarissa liegt schon in ihrem Bettchen. Ihre Kleider und ihre kleine rote Zipfelmütze liegen auf dem Stuhl neben ihrem Bett schon für den morgigen Tag bereit. Morgen ist ein aufregender Tag für Clarissa.
Ihre Mutter kommt in ihr Zimmer und möchte ihr eine gute Nacht wünschen. „Clarissa, meine Liebe, du liegst ja schon in deinem warmen Bettchen! Magst du vielleicht noch eine Gutenachtgeschichte hören, bevor du in deine Träume versinkst und dir vorstellen wirst, wie schön der morgige Tag werden wird?“
„Ach, Mama“, antwortet das kleine Zwergen-Mädchen mit zaghafter Stimme: „Ich fürchte mich etwas vor meinem ersten Schultag in der neuen Schule. Es wird so viel Unbekanntes auf mich zukommen. Ich kenne meine neue Lehrerin nicht, ich weiß nicht wie meine neuen Mitschüler sein werden… werden sie mich mögen? Werden sie mich beachten, über welche Themen werden die Mädchen und Jungen in der Pause sprechen? Mir gehen so viele Fragen durch den Kopf. Ich spüre so ein grummeliges Gefühl in meinem Bauch.“
„Liebe Clarissa, liebe Tochter, schließe deine Augen! Vielleicht magst du deinen Teddy fest in den Arm nehmen? Und versuche zu schlafen. Vertraue auf dich!“

Am nächsten Morgen ist Clarissa immer noch ziemlich aufgeregt. Das Frühstück mag sie gar nicht anrühren vor lauter Aufregung und so geht sie mit einem flauen Gefühl und leerem Magen zur Schule. Sie hat es nicht eilig, bummelt so durch die Straßen und möchte am liebsten ihre Ankunft in der neuen Schule immer weiter hinauszögern. Als sie am Bäckerladen vorbeikommt, fällt ihr eine alte Frau auf. Ihr ist gerade die Brötchentüte gerissen und alle Brötchen purzeln auf die Straße. Clarissa läuft zu ihr und hilft der alten Frau, die Brötchen von der Straße aufzusammeln. Hocherfreut über diese Hilfe bedankt sich die Frau bei Clarissa für ihre Hilfe und die beiden kommen ins Gespräch. Clarissa erzählt ihr, dass sie auf dem Schulweg in die neue Klasse ist und dass sie sich Sorgen macht, wie der Tag wohl sein wird. Ob sie Freunde findet? Ob sie wohl mit dem Lehrstoff mithalten kann? Da schenkt ihr die Frau eines ihrer Brötchen. Sie spricht zu ihr mit leiser und melodischer Stimme: „Dies ist ein besonderes Brötchen! Es ist nur für dich! Es stillt deinen Hunger und es schenkt dir Kraft und Energie. Wenn du dieses Brötchen vor der Schule noch isst, dann wird deine Stimme fest und klar sein. Deine neuen Mitschüler werden an deinen Lippen hängen und dir ganz interessiert zu hören. Sie werden erstaunt sein, über dass, was du zu sagen hast. Sie werden deiner Stimme lauschen und sich darüber freuen, was du alles Wissenswertes zu erzählen hast! Clarissa, vertraue der Kraft dieses Brötchens und nun… lauf, damit du noch pünktlich zur ersten Stunde kommst!“ Einen kleinen Moment lang hält Clarissa das Brötchen andächtig in ihrer Hand. Dann beißt sie hungrig hinein, bedankt sich bei der alten Frau und läuft mit geröteten Wangen zur Schule.

Was soll ich euch sagen, vielleicht könnt ihr es euch schon vorstellen, wisst ihr es schon?

Der Tag von Clarissa war einmalig! Sie wurde mit Freude im Kreis der Klasse aufgenommen. Die neuen Mitschüler waren interessiert an ihren Geschichten und wollten immer mehr hören. Sie lachten und tanzten mit ihr in der Pause. Und vielleicht ahnt ihr schon: Die Lehrerin war begeistert darüber, wie weit Clarissa schon mit dem Lernstoff war. Clarissa wusste viel mehr als die Klassenkameraden und sie schien so verständig!

Der Schultag war für Clarissa ein voller Erfolg. Sie hüpfte fröhlich und munter nach Hause. Auf dem Rückweg begegnete sie wieder der alten Frau. Sie strahlte sie an und bedankte sich herzlich bei ihr für das tolle Wunderbrötchen: „Es hat mir Kraft gegeben! Ich habe mich so stark gefühlt wie noch nie! Ich habe so viele Freunde gefunden und ich weiß nun, dass ich schon ziemlich schlau bin! Ich danke dir für dieses Wunderbrötchen!“ „Ach“, antwortete die alte Frau, „weißt du, Clarissa, es war ein ganz normales Brötchen. Es hat sogar schon im Straßenstaub gelegen, es hatte nichts Besonderes an oder in sich. Es war ganz allein deine Kraft und deine Stärke, dein Wissen und deine Zuversicht, die du heute genutzt hast! Du bist so ein tolles Mädchen, du hast alles in dir, was du brauchst! Vertraue dir und alles wird gut!“

(Ute Wohlstein, Februar 2021)

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Ich bin in Corona-Quarantäne

Vorweg möchte ich betonen, dass ich mich nicht zu den Corona-Leugnern zähle, mir liegt es fern, den Krankheitsverlauf, den Corona haben kann, zu verharmlosen. Und doch betrachte ich die derzeitigen Entwicklungen in unserer Gesellschaft mit gesunder Skepsis und Sorge. Spannend fand ich vor allem bei mir selbst zu beobachten, was ein Ansteckungsverdacht mit mir macht. Dies möchte ich an dieser Stelle mit Interessierten teilen.

Vielleicht findet sich der eine oder andere in meinem Bericht wieder?

Es ist wirklich schon ein komisches Gefühl gewesen. Letzte Woche bekam ich von einer Freundin eine Nachricht: Ihr Sohn sei tatsächlich an Corona erkrankt und ihr ginge es gesundheitlich auch nicht gut. Sie hatte Kopfschmerzen, Halsschmerzen, eben typische Erkältungssymptome, und war schon beim Arzt. Beide hatten sich unabhängig voneinander auf Corona testen lassen.

Bisher war Corona für mich gefühlt immer weit weg. Klar, ich hatte schon die eine oder andere Geschichte im weiteren Bekanntenkreis gehört, auch dass nicht alle schnell gesund geworden sind, tatsächlich hatte ich auch von zwei Todesfällen gehört. Doch in einem Fall handelte es sich um einen Risiko-Patienten und im anderen Fall war der Betroffene vorher zwar gesund gewesen, aber eben schon im höheren Lebensalter. Ich fühlte mich von den Schicksalen zwar sehr berührt, doch persönlich nicht in Gefahr. Ich ernähre mich ziemlich gesund, treibe Sport und bewege mich oft an der frischen Luft. Corona war für mich vor allem ein mediales Schreckgespenst! Auf allen Kanälen wird man mit dem Thema konfrontiert und an manchen Stellen durch Regeln persönlich beschränkt. Für mich sind die Auswirkungen insgesamt noch recht unproblematisch. Klar vermisse ich das Essen gehen im Restaurant, Kino und Konzert-Besuche und die sozialen Kontakte mit Freunden, doch im Verhältnis zu vielen anderen Menschen, glaube ich, dass es mir trotz Corona-Beschränkungen ziemlich gut geht und deshalb hat mich dieser Virus bisher nicht wirklich belastet.

Die Nachricht der Freundin bezüglich der Krankheitssymptome erreichte mich, nachdem ich sie ein paar Tage zuvor zu ihrem Geburtstag besucht hatte. Auch ihr Sohn war natürlich bei der „Feier“ im kleinsten Kreis dabei gewesen. Dass sie beide krank waren, tat mir natürlich Leid, doch die Mitteilung, dass sie sich beide hatten testen lassen, löste bei mir nun ein noch kleines, doch spürbares Unwohlsein aus. So langsam begann mein Gedanken-Karussell: Sollten die beiden etwa Corona haben? Wenn Sie tatsächlich Corona haben, bekomme ich das auch? … Ich hätte mir das vorher nicht vorstellen können, und doch fing meine Phantasie an sich in Gang zu setzen. Einige Stunden später dann die Gewissheit: Beide waren Corona-positiv! „Corona positiv“: Diese Mitteilung hatte für mich inzwischen etwas Bedrohliches. Es hörte sich ein bisschen nach Verurteilung an.

Vielleicht findet der eine oder andere Leser, dass ich völlig übertreibe und wahrscheinlich zur Hysterie neige. Bisher hätte ich so einen Gedanken immer voll und ganz abgestritten und weit von mir gewiesen. Auf einmal kamen mir all die Nachrichten und Berichte in den Sinn, die ich in den letzten Wochen in Zeitung, Fernsehen und Internet nur halbherzig wahrgenommen hatte. Da fiel mir der junge Mann ein, 20 Jahre, der schon in der ersten Lockdown-Welle erkrankte und der anscheinend nach wie vor an den Folgen leidet und tatsächlich noch nicht arbeitsfähig ist. Die vielen Bilder von Intensivstationen in den Krankenhäusern erschienen vor meinem inneren Auge. Wie oft hatte ich in den letzten Wochen, ach, was sage ich, in den letzten Monaten, Bilder gesehen, auf denen Patienten mit vielen Schläuchen und umgeben von hochtechnischen Geräten im Krankenhaus zu sehen waren. Viele Ärzte und Pfleger bemühten sich um die Patienten, die teilweise sogar künstlich beatmet werden mussten. Die Ärzte sprachen von bedrohlichen Zuständen, sie sorgten sich auf Grund der hohen Zahlen von Einlieferungen und schweren Verläufen, dass sie bei weiter steigenden Zahlen eine sogenannte „Triage“ anwenden müssen. Diesen Begriff hatte ich bisher noch nicht oft gehört, nun näherte er sich und bekam er eine besonders bedrohliche Bedeutung. Wer ist besonders in Gefahr? Wie kann sich der Einzelne schützen? Jeder trägt Verantwortung für die Risiko-Gruppen, die Zahl der Infizierten steigt, der Inzidenz-Wert spielt eine große Rolle, wir hoffen auf den Impfstoff, der noch auf sich warten lässt… Diese und viele andere Meldungen der letzten Wochen schossen mir durch den Kopf.
Okay, ich gehöre nicht zur Risiko-Gruppe, bin gesund, warum sollte ich jetzt diesen blöden Virus bekommen? Ich versuchte den Gedanken weg zu schieben. Es gelang mir nur für einen kurzen Moment. Dann schlichen sich die Überlegungen wieder in meinen Kopf. Sollte ich erkranken, was bedeutet das, wie krank werde ich sein? So viele Gedanken habe ich mir über eine potenzielle Erkrankung schon lange nicht mehr gemacht. Dann riss mich ein Telefonanruf aus meiner Grübelei. Das Gesundheitsamt! Nach dem Gespräch mit dem freundlichen Anrufer wusste ich nun amtlich, dass ich sogenannten Erstkontakt mit einer Covid 19 positiv getesteten Person gehabt hatte. Ich wurde nun für 14 Tage, seit Rückverfolgung der möglichen Ansteckungszeit, in Quarantäne geschickt. Auf meinen Hinweis, dass ich mich nun auch testen lassen möchte, erhielt ich die Antwort, dass es nicht nötig sei. Ich hätte nur die Anweisung zu befolgen, darf meine Wohnung bis zum festgesetzten Termin gar nicht verlassen. Sollte ich Symptome bekommen, dann würde es immer noch reichen, sich testen zu lassen.

Da war es: Das Wort „Symptome“! Hatte ich nicht seit heute Morgen ein Halskratzen verspürt? Ich erwähnte, dass ich durchaus das Gefühl hätte, die ersten Anzeichen einer Erkrankung zu spüren und hätte gerne Sicherheit. Daraufhin erhielt ich die Zusage, dass ich alle notwendigen Papiere per E-Mail zugeschickt bekäme. Damit könne ich mich dann auch, wenn gewünscht, auf Kosten des Gesundheitsamtes (oder wer das nun auch wirklich bezahlt) testen lassen.

Nach dem Telefonat war mir dann noch etwas unheimlicher zumute. Mir wurde klar: Du darfst jetzt erst einmal nicht mehr raus, nicht einkaufen, nicht spazieren gehen … Bisher hatte ich mich vorbildlich an die Corona-Vorgaben halten. Bis auf meine Freundin, die ich zu ihrem Geburtstag besucht hatte, hatte ich meine sozialen Kontakte auf Telefon und Internet begrenzt. Meine Rettung waren bisher die Treffen mit besagter Freundin, das Einkaufen von Lebensmitteln und mein regelmäßiger Spaziergang in der Natur. Doch diese wurden nun auch gestrichen.

Ich sehe die Maßnahmen schon ein, doch irgendwie bekam ich ein ungutes Gefühl. Um wenigstens die Unsicherheit „habe ich Corona?“ oder „habe ich kein Corona?“ aus dem Kopf zu bekommen, kümmerte ich mich um einen Testtermin. Es gelang mir zwar erst nach einigen Anrufen, doch am Ende hatte ich für den nächsten Tag einen Termin bekommen. Die Sicherheit, in ein paar Stunden getestet zu werden, erleichterte mir in dem Moment die Situation. Und doch fing ich nun an, ständig in mich hineinzuhorchen … Wurden die Halsschmerzen nicht schlimmer? Kündigten sich mit dem leichten Zwicken die ersten Gelengschmerzen an? Mein Mann, nun auch mit mir in Quarantäne, beruhigte mich. Wir beide spielten immer wieder in Gedanken das Treffen mit besagtem Corona-Patienten und die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung durch. Wie lange waren wir zusammen gewesen? Wie nahe waren wir uns gekommen? Wenn meine Freundin sich am gleichen Tag angesteckt hatte, ist es überhaupt denkbar, dass ich mich nicht angesteckt habe? Ehrlich, ich hätte nicht für möglich gehalten, wie diese Situation mich beschäftigte, ja geradezu blockierte.

Am nächsten Tag endlich der Test! Nun sollte ich bald Gewissheit haben. Ich bekam vom Arzt einen QR-Code mit, über den ich das Testergebnis erfragen könne, ansonsten, da Freitag, kann ich mit einem Ergebnis erst am Montag rechnen. Klar, verstehe ich, die armen Menschen in den Laboren und Gesundheitsämtern wollen wenigstens ihr Wochenende frei haben. Ich stelle mir vor, dass die sowieso alle bis zum Anschlag arbeiten und belastet sind. Alles kein Problem, ich habe volles Verständnis.

Ich telefonierte mit meiner erkrankten Freundin. Sie erzählte mir, dass sie am Tag, nach der Testung über den QR-Code das Ergebnis bekam und ihr Arzt sie auch darüber informierte, dass Labore und Gesundheitsämter am Wochenende arbeiteten. Ich hoffte nun, mein Ergebnis über den QR-Code doch schon am nächsten Tag zu erhalten und installierte die Corona-App. Der Tag verging schleppend und im Laufe des Abends hatte ich das Gefühl, ich bekäme Kopfschmerzen. Da ich durchaus öfter unter Spannungs-Kopfschmerzen leide, versuchte ich mich immer wieder zu beruhigen. Kein Corona, so ein Quatsch! Alles nur Einbildung! Oder vielleicht doch nicht? Eine unruhige Nacht folgte. Ich wälzte mich immer wieder hin und her. Mein Hals tat mir weh, die Kopfschmerzen hatten nicht nachgelassen… so begann mein nächster Tag.

Mein Mann und ich zehrten von unseren Vorräten, verhungern würden wir nicht, zumal sich auch eine Bekannte angeboten hatte, in der nächsten Woche für uns einzukaufen. Ich hatte am Wochenende sowieso ein Internet-Seminar, also auch für Ablenkung und Beschäftigung war gesorgt. Und doch … immer wieder gingen meine Gedanken zum Test-Ergebnis… meiner Freundin ging es hörbar schlecht … und irgendwie fühlte ich mich auch immer schlapper und müder… Alle paar Stunden kontrollierte ich auf der Corona-App, ob ich inzwischen ein Ergebnis bekommen hatte: Nichts! Immer wieder bekam ich nur den Hinweis: „Ihr Testergebnis liegt noch nicht vor“. Das hieß: weiter warten! Mein Gesundheitszustand war irgendwie in Ordnung und doch fühlte ich mich schlapp, müde und die Kopfschmerzen nervten… „Vielleicht liegt es ja am Wetterumschwung“, beruhigte mich mein Mann.

Das Wochenende ging vorüber und immer wieder sagte meine innere Stimme zu mir, „wenn du bis jetzt noch keine „richtigen“ Symptome hast, dann wird schon alles gut“. Gegen 17:00 Uhr kam dann der erlösende Anruf vom Arzt. „Corona-negativ“! Alles gut! Die Corona-App zeigte übrigens noch drei Tage später an: „Das Testergebnis liegt nicht vor!“ Inzwischen habe ich sie wieder deinstalliert. Ich möchte nicht ständig verfolgen können, ob die Infizierten-Zahlen steigen und ob ich eventuell Risiko-Kontakte hatte. Das macht mich völlig wuschig.

Noch bin ich in Quarantäne, doch das Ende naht. Mir geht es gut und ich erfreue mich an der Sonne, wenn auch nur vom Balkon aus. Der Corona-Virus hat sich zwar nicht in meinen Körper geschlichen, doch hat er in gewisser Weise trotzdem Besitz von mir genommen.
Nun da für mich alles gut ausgegangen ist, es meiner Freundin auch langsam wieder besser geht, beschäftigt mich der Gedanke, was eine potentielle Ansteckung in einem Menschen so anrichten kann. Ich bin in einer privilegierten Situation: Ich gehöre meines Wissens keiner Risiko-Gruppe an, fühle mich prinzipiell körperlich und psychisch gesund und lebe nicht allein. Und doch hat mich diese Situation geängstigt und bedroht. Wie mag es erst all den Menschen gehen, die alleine zu Hause sitzen und ihre Gedanken und Sorgen mit niemandem teilen können. Ich fürchte, Außenstehende können diese Gedankengänge gar nicht nachfühlen. Was machen diese vielen negativen Bilder und Berichte in den Medien mit Menschen, die tatsächlich an Corona erkrankt sind oder „nur“ befürchten sich angesteckt zu haben? Der Genesungsverlauf, so könnte ich mir nach meiner eigenen Erfahrung vorstellen, wird durch dieses Kopf-Kino jedenfalls nicht begünstigt. Die Seele leidet in so einem Fall und das hat Auswirkungen auf das gesamte Wohlbefinden.

Vielleicht wäre es durchaus hilfreich, auch von positiven Krankheitsverläufen ausführlicher zu berichten. Mich beschleicht der Gedanke: Sich nur auf die Schreckensbilder zu konzentrieren, schürt mehr Angst als uns guttut!

(Ute Wohlstein, Februar 2021)

Annas Fahrt zu ihrer Mutter

Liebe interessierte Leserinnen und Leser,

mich erreichte in den letzten Tagen folgender Bericht zum Thema „Altwerden“ von meiner Freundin Anna. Ihr Besuch bei ihrer alten und kranken Mutter bewegte sie sehr. Mit ihrem Einverständnis darf ich ihre Gedanken an dieser Stelle hier mit Ihnen teilen.

 

Mein Besuch bei meiner Mutter

 

Ich, Anna, sitze gerade mit einer gewissen Anspannung im Zug und fahre gen Nord-Osten, einmal quer durch die Republik. Gemischte Gefühle begleiten mich. Der Himmel ist grau, die Aussicht aus dem Fenster deshalb trüb. Die Atmosphäre im Zug ist gedämpft. Manchmal kann ich sogar Corona positive Aspekte abgewinnen. Der Großraumwagen hat sich seit meinem Einstieg zwar langsam gefüllt, doch dadurch, dass in jeder Sitzreihe nur eine Person am Fenster sitzt, ist der Wagen des ICE nur zur Hälfte besetzt, vielleicht nicht einmal das. Bis auf die Fahrgäste, die gerade Hunger verspüren und etwas essen, tragen alle vorbildlich ihre Maske und somit sind alle Gespräche am Handy oder untereinander recht leise. Diese Atmosphäre empfinde ich als ziemlich angenehm. Meine gefühlte Anspannung hat also nichts mit der Stimmungslage hier im Zug zu tun, sondern sie liegt in meinem Ziel begründet.

Schon die letzte Nacht habe ich nicht so gut geschlafen, lag ab 04:00 Uhr in der Früh wach, viele Gedanken schwirrten durch meinen Kopf… irgendwann muss ich dann noch einmal eingeschlafen sein. Als mein Radiowecker mich mit lauter Musik aus dem Traum riss, war ich einerseits erleichtert, da ich im Traum gerade Gefahr lief mit viel Gepäck und kleinen Kindern in Begleitung meinen reservierten Zug zu verpassen. Völlig erschöpft hatte ich mit meiner Tochter den Zug noch bestiegen, fing gerade an unsere reservierten Plätze zu suchen … da vermisste ich meinen kleinen Sohn… oh, Schreck! … Radiomusik riss mich aus dieser katastrophalen Situation … Sie können sich denken, das war in diesem Traum-Moment ein Segen und Entspannung machte sich in meinem noch müden Körper breit.   … Mit jeder Sekunde, mit der ich mehr und mehr aus meinem schläfrigen Traumzustand erwachte und die Gewissheit erlangte meiner lebhaften Phantasie entronnen zu sein, gesellte sich nun zu dem Gefühl der Erleichterung das Gefühl der Müdigkeit hinzu. Schließlich fehlten mir nicht nur ein paar kostbare Stunden Schlaf, sondern ich wurde um einiges früher als üblich unsanft in den Tag katapultiert.
Nun sitze ich also hier im Wagen Nummer 4, am Fenster, inzwischen ist der Himmel völlig mit grauen Wolken verhangen und Regentropfen perlen außen an der Fensterscheibe ab. Bei diesem Anblick fröstelt es mich, es passt irgendwie zu meinem Innenleben. Ich fahre zu meiner alten, kranken Mutter. Sie lebt zwar noch an ihrem alten Wohnort, doch zur Erleichterung meiner Schwester und mir wohnt sie seit knapp einem Jahr in einem Seniorenheim. Mein Verhältnis zu ihr ist mehr als problematisch.
Sie befindet sich in einer Phase ihres Lebens, die aus meiner (beobachtenden) Sicht, wohl der herausforderndste Lebensabschnitt eines Menschen ist. In ziemlich kurzer Zeit hat ihr Körper ihr mehr und mehr den Dienst verweigert. Vielleicht ist dieser körperliche Verfall gar nicht so schleichend gewesen, wie ich es heute als Außenstehende rückblickend wahrgenommen habe? Es kann auch sein, dass meine Mutter aus anerzogenem und angelerntem Pflichtbewusstsein wie immer „nur“ die Zähne zusammengebissen hat. Ihre größte Angst war und ist nach wie vor die vor Kontrollverlust!   Sie hielt zwanghaft an ihrem „selbständigen“ Leben in der dreigeschossigen Doppelhaushälfte fest und versuchte nach Außen das Bild aufrecht zu erhalten, dass sie den alltäglichen Herausforderungen immer noch gewachsen sei. Sie gestand sich selber und ihrer Umwelt nicht ein, dass Alter und Krankheit ihren Tribut forderten, vielleicht nahm sie es auch tatsächlich selber nicht wahr. Ganz nach dem Motto: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“!
Meine jüngere Schwester und ich haben schon vor langer Zeit immer wieder versucht, sie zu Veränderungen in ihrem Lebensumfeld zu bewegen. Wir wohnen beide räumlich weit von unserer Mutter entfernt. Ein Wohnortswechsel in die Nähe meiner Schwester kam für sie ebenso wenig in Betracht wie die Anpassung ihres häuslichen Umfelds vor Ort. Weder eigene Einsicht noch unser gutes Zureden konnten sie bewegen, rechtzeitig, also tatsächlich noch „zur rechten Zeit“, verantwortlich und selbstkontrolliert für sich zu handeln! Vielleicht haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, auch ähnliche Erfahrungen gemacht? Viele alte Menschen scheinen sich schwer damit zu tun, die wachsende Unselbständigkeit mit Alter und Krankheit zu akzeptieren und daraus erforderliche Veränderungen einzuleiten und zu akzeptieren. Wie wird es mir einmal gelingen?

Den Wunsch nach einem möglichst langen, selbstbestimmten und -kontrollierten Leben kann ich sehr gut nachvollziehen! Oft hat meine Mutter mir in vorwurfsvollem Ton entgegengeschleudert: „Komm du mal dahin! Wenn du alt und krank bist, dann wird es dir auch nicht besser gehen!“ Natürlich kann man mir vorwerfen: „Du weißt gar nicht, wie das ist, du hast gut reden!“ Ich bin tatsächlich noch nicht selbst betroffen und obwohl die ersten Alters-Zipperlein sich auch bei mir langsam einschleichen, bin ich ziemlich gesund. Doch ich habe den Alterungsprozess bei meinen Großeltern beobachtet und auch den Krankheits- und Sterbeprozess bei meinem Vater begleitet. Diese Erfahrungen sind nicht spurlos an mir vorüber gegangen.   Das Thema „Alter“ beschäftigt mich zunehmend, seit meine Mutter alleine in ihrem Haus wohnt und unter Einsamkeit leidet. Aufgrund meiner Beobachtungen und Erfahrungen mit meiner Mutter stelle ich mir immer öfter die Fragen: „Welche Konsequenzen ziehe ich für mich daraus? Wie möchte ich alt werden und meinen letzten Lebensabschnitt gestalten? Was kann und will ich meinen Kindern in diesem Zusammenhang zumuten? Anna, wie kannst du im Alter für dich verantwortungsvoll und möglichst lange handlungsfähig leben?“

Es ist allerdings nicht nur die Einsamkeit, die meiner Mutter zu schaffen machte. Viele Freundschaften haben meine Eltern während ihrer Ehe nie gepflegt. Mit ihrer Devise: „Wer etwas von uns will, der muss zu uns kommen!“ haben sie es geschafft, dass nicht viele intensive Kontakte geblieben sind. Doch neben dem Alleinsein wuchs meiner Mutter die Arbeit in Garten und Haus stetig über den Kopf, ohne dass sie es sich selbst, geschweige uns Töchtern gegenüber, eingestehen konnte. Dann ließ sich das Schicksal nicht mehr aufhalten. Meine Mutter stürzte diverse Male im Haus und auch auf der Straße. Ein Wasserrohrbruch im Keller tat dann noch sein Übriges und meine Mutter landete im Krankenhaus. Ihr Gesundheitszustand war nun so schlecht, dass sie direkt vom Krankenhaus zur Kurzzeitpflege in ein Seniorenheim kam. Große Wahlmöglichkeiten gab es nicht. Wir waren froh, so kurzfristig überhaupt einen Platz gefunden zu haben. Meine Schwester und ich bemühten uns nach Kräften darum, dass sie wunschgemäß von dort in ein Seniorenheim an ihrem Heimatort wechseln konnte. Sie hatte tatsächlich Glück und konnte einige Wochen später dorthin umziehen. „Umziehen“ ist an dieser Stelle nicht der richtige Ausdruck. Viele Habseligkeiten hatte sie in die Kurzzeitpflege nicht mitnehmen können. Da sie völlig unplanmäßig und unfreiwillig ihr Haus verlassen hatte, fiel ein bewusster Abschied vom Haus aus. So wichtig wie es ihr immer war, die Kontrolle zu behalten, so sehr hatte sie diese nun verloren. Sie hatte keinen Einfluss auf die Wahl des Seniorenheims, konnte sich keine unterschiedlichen Häuser angucken und keine bewusste Auswahl treffen. Es blieb ihr keine Gelegenheit, selbst zu überlegen, was sie in ihr neues Zuhause mitnehmen wollte. Konnte nicht mehr ein paar Erinnerungsstücke, Fotos oder dergleichen persönlich aussuchen. Das, was ihr immer so ein Grauen war, trat nun mit voller Wucht ein. Ihr war die Handlungshoheit abhandengekommen!
Wir Töchter haben versucht, so gut wie es uns möglich war, für sie diese Entscheidungen zu treffen. Dann kam leider auch noch Corona dazu und wir hatten über Wochen keine Gelegenheit sie in ihrem neuen Zimmer zu besuchen.

Als rettender Anker in diesen beängstigenden Zeiten erschien die Impfung. Lange hatten die Heimbewohner auf die für sie erlösende Corona-Impfung gewartet. Endlich war es so weit. Meine Mutter entschied sich sofort für die Impfung. Sie hatte sich inzwischen gesundheitlich etwas stabilisiert und ein kleines Maß an Selbstkontrolle zurückerobert. Ab und an ging sie im Ort kleine Besorgungen machen und traf auch den einen oder anderen früheren Nachbarn. Diese durften meine Mutter aufgrund der Corona-Regeln zwar nicht im Heim besuchen, aber ein zufälliges Pläuschen im Supermarkt war so ab und an möglich. Es ging ihr einigermaßen. Abgefunden hatte sie sich mit ihrem Schicksal aber nicht und das ist leider auch heute noch so!
Uns Töchtern gegenüber weint sie viel am Telefon, hadert mit ihren Krankheiten, fühlt sich vom Leben betrogen, schimpft und beklagt ihre Situation im Heim. Ich habe meine Mutter immer als eine Kämpferin wahrgenommen, die auch hart gegen sich selbst kämpft, die sich immer auch als Opfer sieht und der wir Töchter nichts recht machen können.
Nun bekam meine Mutter die zweite Impfung. Diese vertrug sie leider überhaupt nicht! Woran es letztendlich gelegen hat, wissen wir nicht. Sie ist natürlich eine hochbetagte und sehr kranke Frau, vielleicht wurde in einen bisher unerkannten Infekt geimpft … Fakt ist, dass sie vor ein paar Tagen von einem Notarzt nachts erneut in ein Krankenhaus eingewiesen wurde. Es ging ihr sehr, sehr schlecht und wir fürchteten das Schlimmste! Am nächsten Morgen bekam ich die Nachricht, dass meine Mutter von der Intensiv-Station auf die normale Station verlegt worden war und sich ihr Zustand langsam stabilisierte. Zu sprechen war sie leider nicht, ein Telefonat war nicht möglich. Sie hatte noch kein Telefon an ihrem Bett und die Krankenpflegerin konnte ihr das Stations-Telefon nicht aushändigen, da sie isoliert war. Inzwischen war meine Schwester schon auf dem Weg in den Norden-Osten. Da ich noch ein paar wichtige Termine hatte und die prekäre Situation gebannt schien,   fuhr ich ein paar Tage später hinterher.

Inzwischen konnte meine Schwester zwar dafür sorgen, dass meine Mutter ein Telefon am Bett stehen hatte und sie konnte auch mit ihr sprechen, doch war ein verständliches Gespräch mit meiner Mutter krankheitsbedingt kaum möglich. Vom Arzt bekam sie nach zwei Tagen die telefonische Auskunft, dass es tatsächlich sehr knapp gewesen war … sich meine Mutter nun jedoch langsam erholte.
Nach einer Woche hatte sich ihr Zustand so gefestigt, dass sie tatsächlich wieder ins Seniorenheim zurückkehren konnte. Es war für uns alle drei eine schwierige Woche gewesen. Meine Schwester und ich, wir durften aufgrund der Corona-Regeln unsere Mutter nicht im Krankenhaus besuchen. Die telefonischen Gespräche mit ihr waren sehr mühsam. Sie wollte uns so viel mitteilen, war mit der pflegerischen Versorgung nicht zufrieden, hatte vielleicht auch einfach Angst… Doch auf der anderen Seite des Telefons saßen wir und konnten sie so gut wie gar nicht verstehen. Aufgrund ihrer Erkrankung fällt ihr das Sprechen schon lange schwer, sie ringt oft nach Worten, denkt schneller als sie sprechen kann und verhaspelt sich. Durch diese erneute gesundheitliche Krise, ihren akut problematischen Gesundheitszustand und das Liegen auf dem Rücken war sie für uns so gut wie gar nicht zu verstehen. Das war einfach furchtbar! Sie konnte sich nicht wirklich verständlich machen und wir wussten nicht, was sie uns sagen wollte. Als sie nun wieder ins Heim zurückkam, konnten wir sie wenigstens besuchen. Die Besuche waren zwar eingeschränkt, die Hygiene-Regeln waren zu beachten und wir mussten uns testen lassen, doch wir konnten sie das erste Mal in ihrem Zimmer in der Senioreneinrichtung besuchen. Schon auf dem Flur des Seniorenheims wurden wir von einer Pflegerin sehr freundlich begrüßt. Unser Besuch war angemeldet und bei unserem Anblick ahnte sie sofort, dass wir Frau P. besuchen wollten. „Sie wollen bestimmt zu Frau P. ? Ich bringe Sie zu ihr!“, begrüßte sie uns freundlich lächelnd. Mit dem Aufzug ging es dann gemeinsam in den 2. Stock. Während der Fahrt erzählte sie uns begeistert, wie nett unsere Mutter doch wäre und wie gut sie sich im Haus eingelebt hätte. Sie, die Pfleger, hatten sich alle große Sorgen um sie gemacht und waren nun froh, dass sie wieder aus dem Krankenhaus zurückkehren konnte. Meine Schwester und ich blickten uns etwas verstohlen an, sprach die freundliche Pflegerin tatsächlich von unserer Mutter? Uns gegenüber äußert sie sich am Telefon immer sehr unzufrieden. Ihr gefallen weder das Zimmer, das Essen noch die pflegerische Versorgung. Ständig ist sie am Meckern und auch am Weinen und betont ihre Unzufriedenheit. Dadurch macht sie uns das Herz schwer und die Anrufe sehr unangenehm und belastend. Veränderungsangebote von uns, z. B.: ein Umzug in eine Einrichtung in der Nähe meiner Schwester, Bestellung eines bequemeren Fernsehsessels oder das Mitbringen von Bildern, Fotos oder anderen kleinen Erinnerungsstücken aus ihrem Haus, lehnt sie alles ab. Wenn wir zur Unterstützung klärende Gespräche von unserer Seite aus mit dem Pflegepersonal, Ärzten oder der Leitung vorschlagen, dann lehnt sie diese Hilfe brüsk ab. Sie hat Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, möchte nicht, dass wir für sie tätig werden. Diese Befürchtung kann ich einerseits gut nachvollziehen. Letztes Jahr ist mir bei ihrem Krankenhausaufenthalt oft aufgefallen, dass Ärzte und Pfleger in ihrem Beisein das Wort immer an uns Töchter richteten. Dieses Verhalten hat bei mir immer ein unbehagliches Gefühl hinterlassen, in gewissem Maße fühlte ich mich zwischen zwei Stühlen. Die Ärzte und Pfleger haben grundsätzlich nicht viel Zeit und fürchten vielleicht ein Patientengespräch mit einer alten, kranken Frau koste zu viel Zeit, sei zu mühselig und die Patientin verstehe die Erklärungen sowieso nicht. Tatsächlich ist es für meine Mutter oft schwierig, dem Inhalt der Gespräche zwischen Tür und Angel zu folgen, und doch geht es ja um sie und ihre Belange. Ich stelle mir vor, dass sich bei ihr ein Gefühl von Hilflosigkeit entwickelt, ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Das ist die eine Sichtweise. Auf der anderen Seite fühle ich mich als Tochter auch zur Hilflosigkeit verdammt. Meine und die Hilfe meiner Schwester lehnt sie ab. Wir fühlen uns auch machtlos, haben das Gefühl, dass sie uns nicht vertraut, unsere Hilfe nicht annehmen kann. So stecken wir wohl alle drei in einem Dilemma…   Wirklich schwierig wird es aus meiner Sicht, wenn unsere Mutter sich bei uns immer über alles beklagt. Sie hat sich aus meiner Sicht schon immer als Opfer der Verhältnisse gesehen und tat sich auch immer sehr schwer damit ihren eigenen Anteil, ihre eigene Verantwortung wahrzunehmen. Anderen, fremden Menschen gegenüber, reißt sie sich zusammen und signalisiert Zufriedenheit. So kommt es, dass zum Beispiel die Pflegerin uns zur Begrüßung mitteilt, dass unsere Mutter eine so freundliche und zufriedene Frau sei, die sich prima eingelebt hat. In Gesprächen mit uns und anderen ihr nahestehenden Personen ist Jammern, Weinen und Schimpfen angesagt.
Aus diesen Klagen meiner Mutter höre ich einerseits einen Hilfeschrei und den Apell „unterstütze mich“. Andererseits fühle ich mich weggestoßen von ihr, wenn sie Vorschläge und Unterstützungsangebote ablehnt. Meine Erfahrung aus der Kindheit, es ihr sowieso nie recht machen zu können, verstärkt meine Wahrnehmung ungenügend zu sein.

Schon längst hat die Alters-Wirklichkeit sie eingeholt. Doch durch die letzte gesundheitliche Krise ist meiner Mutter wieder ein großes Stück mehr an Kontrolle abhandengekommen. Es fällt mir sehr schwer zu beobachten, wie mühsam die Nahrungsaufnahme für sie ist und es auszuhalten nicht gleich unterstützend einzugreifen. Ob sie sich soweit erholen und ihre kleinen Einkaufsgänge wieder aufnehmen wird, bleibt ungewiss.
Was aus meiner Sicht bleibt, ist die Erkenntnis von Joachim Fuchsberger: „Alt werden ist nichts für Feiglinge!“ Und doch kommt das Alter nicht überraschend. Es ist klar, dass wir Menschen, wenn es uns überhaupt vergönnt ist, alt zu werden, in der Regel nicht gesund und munter, körperlich und geistig völlig fit zu weisen alten Frauen und Männern werden. Meistens können wir in unseren Familien schon früh beobachten, dass Altwerden mit Einschränkungen verbunden ist. Jeder von uns hat mehr oder weniger intensiv Großeltern und Eltern erlebt, die gebrechlich und alt werden, sogar sterben. Wir haben mit ihnen und vielleicht auch schon längst an uns selbst erfahren, wann ihre bzw. unsere Grenzen erreicht sind. Aus meiner Sicht ist es wichtig, diese eigenen Grenzen wahrzunehmen und anzunehmen. Vor kurzem habe ich ein Interview mit Wolfgang Schäuble in „Die Zeit“ gelesen (25.03.2021, Seite 9: „Lernt die Menschheit aus Krisen?“), da sagt er so treffend: „Ich glaube aber auch, es ist wichtig, dass wir uns mit unseren Grenzen abfinden. Es hilft nichts: Die Geschichte beginnt mit der Zeugung, und dann ist es ein Werden, aber eben auch ein Vergehen, und zwar jeden Tag. Und es gehört zum Menschsein dazu, zumindest zu versuchen, das zu verstehen.“   Doch wie gelingt es einem Menschen, das zu verstehen? Wie gelingt es mir, Anna, Tochter von Frau P.?
Ich versuche mir darüber klar zu werden, dass mein Leben, meine Gesundheit nicht grenzenlos ist. Natürlich denke ich nicht jede Minute am Tag darüber nach, doch die Erfahrungen und Beobachtungen mit meiner Mutter lassen mich nachdenklich zurück. „Wie möchte ich im Alter mein Leben gestalten? Wenn ich es nicht mehr kann, wer soll für mich entscheiden? Wie gelingt es mir loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist?“ Einen Anfang habe ich schon gemacht. Einen Brief an meine Kinder und meinen Ehemann mit meinen derzeitigen Vorstellungen bezüglich Betreuen, Pflegen und Sterben habe ich schon geschrieben. Ob ich an alles gedacht habe, wird sich erweisen. Wahrscheinlich ist auch diese Auseinandersetzung ein Prozess, der aus meiner Sicht nicht nur für mich persönlich elementar ist, sondern der auch die Möglichkeit bietet, andere, zum Beispiel meinen Ehemann und meine Kinder zu entlasten.

 

Inzwischen bin ich wieder in meinem Zuhause angekommen. Frühlingshafte Sonnenstrahlen erwärmen nicht nur die Luft, sondern auch meine Seele. Es herrscht draußen in der Natur Aufbruchstimmung, alles wird grün und die Vögel musizieren laut und kräftig. Und auch das gehört zum Leben dazu: Alles hat einen Anfang und ein Ende und ich kann mir überlegen, ob und wie ich mein Ende annehmen und gestalten möchte.

                                                                                                              (Anna, April 2021)

 

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